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  Das zweite Leben

1971 wird Lehmann die Stellung als Generalmusikdirektor in Hagen zwei Jahre vor seiner Pensionierung gekündigt: Zweites Leben klingt nach Neuanfang – aber Neuanfänge sind selten glamourös. Sie kosten Identität. Man verliert Rollen, Gewissheiten, Publikum. Man wird wieder Anfänger. Lehmann beschreibt den Schmerz dieser Zeit und den weiteren Weg, Musikwärts auf vielerlei Wegen.

Das berufliche Musizieren war mir genommen worden. Nicht aber die Musik selbst. Dieser Stoff des Lebens, sein Inhalt war mir geblieben. Ich sann also nach in der vielen Zeit, die mir ungewünscht in den Schoß gefallen war. Es dämmerte mir: Jetzt hast du endlich die Möglichkeit, dir über vieles, was die Musik betrifft, klarer zu werden. Höre! Denke! Lies! Lerne! Lerne bisher von dir Unentdecktes kennen. Suche die Zusammenhänge.

Er findet mit seiner Frau zu einem neuen Lebensstil, zieht aufs Land, genießt ausgedehnte Spaziergänge und nähert sich dem Johann Sebastian Bach seiner Kindheit wieder und neu an. Obwohl er selbst kaum Schallplatten aufgenommen hat, füllen sich nun die Regale mit konservierter Musik und eröffnen ihm einen neuen, bereichernden Wahrnehmungsraum.

Neuanfang: Schule und Weiterbildung

Nach seiner Zeit als Generalmusikdirektor in Hagen, die 1971 begann, unterrichtete Lehmann noch 11 Jahre lang Musik in gymnasialen Oberstufen. Er unterrichtete unter anderem im Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium für Knaben, Hagen-Haspe und an der Schule der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel, Menden. Ehemalige Schüler erinnern sich an seinen Musikunterricht als besonders und andersartig, der ihnen dennoch die Welt der klassischen Musik näherbrachte.

Berthold Lehmann, spät noch als Musiklehrer tätig, vertieft sich zunehmend in Literatur und Kunst zu Byzanz und wird von einem Freund gebeten, eine dreiteilige Vortragsreihe zur byzantinischen Geschichte und Kunst zu halten. Er hält darüber und über musiktheoretische Themen, wie zum Beispiel Bachs → Kunst der Fuge, Vorträge an der Volkshochschule Hagen.

Byzanz & Ankara

Passend zu den Vorträgen erhält er im Januar 1972 eine Einladung zu zwei Konzerten in Ankara, verbunden mit der vagen Chance, dort Chefdirigent zu werden. Er sagt zu, lernt dafür sogar Grundzüge Türkisch und reist an.

In Ankara hat er die spannende Aufgabe, anspruchsvolle Programme zusammenzustellen und intensiv mit einem Orchester zu arbeiten. Dabei lernt er auch das diplomatische Umfeld kennen, mit Empfängen, Gesandten und türkischen Betreuern. Die Konzerte sind ein voller Erfolg und erreichen für Ankara ein ungewöhnlich hohes Niveau. Die Presse reagiert zwar gemischt, aber insgesamt ist die Stimmung positiv. Nach den Konzerten macht ihm das Orchester ein Angebot: Er soll für zwei Jahre Chefdirigent werden! Er ist sehr angetan von der Idee, doch nach reiflicher Überlegung entscheidet er sich, das Angebot abzulehnen.

Der Höhepunkt bleibt Istanbul. Eine eindrückliche private Begegnung beim Besuch der Eltern der Pianistin → Idil Biret in deren prachtvollen Wohnung voller Teppiche: auf dem Flügel steht nur ein Bild – von ihm.

Erzählung: Das Eichhörnchen

In einer kurzen Erzählung verwebt Lehmann die Beobachtung eines Eichhörnchens mit seinen beständigen Reflexionen über Musik, Struktur, Wirkung und Schaffen. Obgleich es sich nicht um einen Satz aus einer Haydn-Sinfonie handelt, stellt es eine angenehme Beschäftigung dar. Gleichzeitig werden Erinnerungen an seine Schulzeit in Wickersdorf wach, die Zeit, die er als „den Ort seines vielleicht dauerhaftesten Glücks“ bezeichnete.

Jean Paul in Musik gesetzt

Posthum erregte Lehmann ein gewisses Aufsehen mit einer Entdeckung, die er schon 1949 in Lübeck vorgestellt hatte. Seine These: Die frühen Klavierstücke → Papillons op. 2 von Schumann seien nicht nur in wenigen Teilen – wie seit langem bekannt – vom Schluss des Romans → Flegeljahre von Jean Paul inspiriert, sondern in allen Teilen. Er belegt dies minutiös mit Zitaten aus dem Roman und den von ihm gefundenen musikalischen Entsprechungen. Nebenbei schreibt er einem von Schumann verwendeten Melodiemotiv das gemäß „Flegeljahre“-Schluss passende Volkslied zu, im Gegensatz zu dem in der Literatur bisher widersinnig angenommenen. Dies wurde von der Musikwissenschaftlerin Junko Obase in einer japanischen Studie 2007 erstmals gewürdigt.

Nachdenken über Musik und Kunst

In seiner Biografie reflektiert Lehmann ausführlich über Musik und seine persönlichen Erfahrungen, wodurch der Leser die Perspektive eines Dirigenten unmittelbar nachvollziehen kann. Lehmann zeichnete sich durch eine außergewöhnliche Belesenheit und ein umfassendes Interesse an Literatur und Kunstgeschichte aus, was durch seine umfangreiche Bibliothek belegt wird. Seine besondere Leidenschaft galt der Malerei, Bildhauerei und Architektur, die er durch jährliche Studienreisen in Städte und Museen in weiten Teilen Europas, insbesondere in den Niederlanden, Frankreich, Italien, Spanien, Jugoslawien und Griechenland, pflegte.

Lehmann war mehrsprachig und las Bücher in der Regel in ihren Originalsprachen. So las er beispielsweise die gesamte → À la recherche du temps perdu von Marcel Proust auf Französisch. Neben Englisch und Französisch beherrschte er auch Italienisch, Spanisch, Niederländisch und ein wenig Neugriechisch.

Vernetzung

Berthold Lehmann war außer mit zahlreichen Musikern mit vielen bildenden Künstlern befreundet: In Hagen mit der Malerin und Pianistin Hanna Alisch, dem Pianisten → Fritz Emonts, dem Dichter → Ernst Meister, den Malern → Emil Schumacher und → Paul Werth sowie dem Kunsthistoriker und Maler → Walter Erben; in Lübeck mit dem Zeichner → Hans Peters; in Aachen mit dem Bildhauer → Helmuth Schepp und dem Architekten → Hans Schwippert; seit der Schulzeit in Wickersdorf mit dem Bildhauer und Erfinder → Ludwig Leitz.


→ Das Wirken beschreibt seine vielen zusätzlichen Fähigkeiten und Interessen. Zu allen Bereichen bietet das Buch → Musikwärts auf vielerlei Wegen ausführliche Informationen.