Berthold Lehmann: Musikwärts auf vielerlei Wegen
Nach den autobiografischen Entwürfen von Berthold Lehmann.
Herausgegeben, bearbeitet und ergänzt von Michael Lehmann und Richard Weber-Laux.
2., komplett überarbeitete und ergänzte Auflage, 2026
BoD – Books on Demand, ISBN 978-3-6951-9730-9, Paperback, 252 Seiten und 40 Abbildungen, 20,00 €
Berthold Lehmann (*06. Januar 1908 in Kiel - †16. Januar 1996 in Hagen) war ein deutscher Dirigent und Musikdirektor. Den Schwerpunkt seiner Laufbahn bildete die Zeit als Generalmusikdirektor (GMD) in Hagen (1949–1971). Darüber hinaus ist er als Förderer zeitgenössischer Musik bekannt geworden, besonders durch seine enge künstlerische Verbindung zu → Witold Lutosławski und die Hagener Uraufführung von „Livre pour orchestre“ (1968).
Lehmann wuchs in Kiel auf. Er ist Sohn des Dichters → Wilhelm Lehmann und seiner Frau Martha geb. Wohlstadt. Zu seinen frühesten musikalischen Prägungen gehörte das Klavierspiel der Mutter, ausdrücklich mit Beethoven-Sonaten. Diese frühe Hausmusik wird in der Biografie als Fundament für seine später ausgeprägte Hör- und Formdisziplin beschrieben.
Er besucht die Freie Schulgemeinde Wickersdorf im Thüringer Wald, wo er schon früh vom Schulleiter, dem Schriftsteller → Martin Luserke, für das Theaterspiel begeistert wird. Auch der Musiklehrer, der Musikwissenschaftler und Komponist → August Halm, inspiriert ihn zum eigenen Musizieren und Komponieren. Sein Abitur macht er schließlich 1925 im Landschulheim Am Solling bei Holzminden.
Während seiner gesamten Schulzeit engagiert sich Lehmann mit großem Einsatz in verschiedenen Schul-Opernprojekten und übernimmt dabei fast alle Rollen: Regie, musikalische Leitung, Bühnenbild und Gesang. Ein prägender Moment ist 1922 beim Bruckner-Fest in Stuttgart, wo er sein erstes Konzert mit großem Orchester und einem bedeutenden Dirigenten, → Fritz Busch, erlebt. Seitdem ist er tief von Anton Bruckners Musik fasziniert und verfolgt den Traum, Komponist und Dirigent zu werden.
Lehmann nahm ein Privatstudium in Berlin auf, finanziert durch den jüdischen Fabrikanten Josef Ullmann aus Stadtoldendorf, der im Dezember 1932 am Vorabend der Machtergreifung der Nationalsozialisten Suizid beging. Zu seinen Lehrern zählten der Musikwissenschaftler → Hugo Leichtentritt und der jüdische Pianist und Komponist → Heinz Jolles, der ab 1928 Professor in Köln war und Ende der 1930er Jahre als Henry Jolles ins Exil nach Brasilien ging, um nach 1950 wieder Konzerte in Deutschland zu geben.
In Berlin übte auch Lehmanns Onkel, der Musikkritiker der „Vossischen Zeitung“ und Komponist → Max Marschalk, einen nicht unerheblichen Einfluss auf ihn aus. Besonders prägend war jedoch die Begegnung mit dem Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, → Wilhelm Furtwängler, dessen Proben Lehmann zwei Spielzeiten lang besuchen durfte. Dabei beobachtete er genau und dokumentierte die musikalischen Ausführungsanweisungen im Wortlaut durch Notizen in den Partituren.
Zugleich berichtet die Biografie von Berliner Alltag und dirigentischen Lernmomenten im Umfeld großer musikalischer Institutionen. Berlin erscheint bei ihm als Anziehungspunkt, aber nicht als dauerhafter Lebensort.
Am Staatstheater in Wiesbaden absolvierte der Künstler ein „Lehrjahr“, welches ihm die Möglichkeit bot, frühzeitig Orchester- und Bühnenpraxis zu sammeln. → Paul Bekker wird als prägende Persönlichkeit dieser Zeit hervorgehoben. Diese Phase stellt den Übergang vom Studium zur konkreten Theaterarbeit dar.
Am Stadttheater Kiel begann seine kontinuierliche Arbeit als Theatermusiker und Kapellmeister. Er arbeitet drei Jahre als Korrepetitor, zwei Jahre als Chordirektor, bevor er für die Spielzeit 1933/34 zum 2. Kapellmeister gemacht wird. Lehmann dirigiert eine bemerkenswerte Serie eigener Neueinstudierungen (acht Produktionen in einer Spielzeit), darunter → Der Liebestrank, → Madame Butterfly, → Martha, → Rigoletto, → Macbeth, → Die lustigen Weiber von Windsor, → Tiefland und → Der Wildschütz. Die Biografie schildert außerdem konkrete Theaterrealität: Regiearbeit, Probenbetrieb und die Notwendigkeit, Publikumserwartungen praktisch zu bedienen – auch bei Komponisten, die er persönlich nicht „liebt“, aber als unvermeidlichen Teil des Berufs akzeptiert.
1934 zog es Lehmann nach Duisburg, wo er seinen Posten als ersten Kapellmeister an der Duisburger Oper antrat. Dort fand er unter der Leitung von Intendant → Saladin Schmitt und Regisseur Rudolf Scheel ein inspirierendes Umfeld. Besonders hervorzuheben ist seine eigene Einstudierung und die deutsche Erstaufführung 1935 von Rimski-Korsakows Oper → Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und von der Jungfrau Fewronia, die später nur selten auf die Bühne gebracht wurde. Diese Produktion wurde von der nationalen und internationalen Presse mit großem Interesse aufgenommen und war ein voller Erfolg in Duisburg, wo sie in drei aufeinanderfolgenden Spielzeiten 60 Mal aufgeführt wurde. Die Biografie beleuchtet den inneren Druck, unter dem Lehmann stand, zum Beispiel als er „gegen ein imaginäres Orchester“ übte, und den Kontrast zwischen seinen Erfahrungen in der Provinz und der „riesengroßen“ Opernwelt, die ihn in Duisburg erwartete.
Für 1939–1941 ist ein Theaterengagement in Aachen dokumentiert. Er wird Stellvertreter von → Herbert von Karajan in Aachen und macht Erfahrungen im Nachdirigieren von dessen Inszenierungen. An eigenen Einstudierungen dieser Zeit besonders hervorzuheben ist → Die Zauberflöte mit Irmgard Seefried als Pamina und das Wahrnehmen der Elisabeth Grümmer.
Im Jahr 1941 übernahm er die Position des Städtischen Musikdirektors in Lübeck. Unter seiner Leitung ist insbesondere die Ausrichtung der Lübecker Bruckner-Tage zum 50. Todestag Anton Bruckners im Jahr 1946 hervorzuheben. Anton Bruckner stand, wie auch später in Hagen/Westf., stets im Zentrum seines künstlerischen Schaffens. Am Lübecker Theater war zu dieser Zeit auch seine erste Ehefrau, die Koloratursopranistin Elisabeth Lehmann-Mächold (*1903 in Weimar, †1973 in Hagen), engagiert. Sie wechselte von den Theatern Halle, Altenburg und Bremen nach Lübeck. Dort begeisterte sie das Publikum unter anderem in den Rollen der „Butterfly“ und der Susanne in „Figaros Hochzeit“. Im Jahr 1942 unternahm Lehmann ein bemerkenswertes Experiment an einer großen Bühne: Er übernahm sowohl die Regie als auch das Dirigat bei Mozarts → Entführung aus dem Serail. Dabei legte er großen Wert darauf, die Regie aus der Musik heraus zu entwickeln.
In Berlin studiert er zur Eröffnung der Komischen Oper Berlin die „Fledermaus“ von Johann Strauss (Sohn) unter der Regie von → Walter Felsenstein ein. Lehmann dirigierte fast alle 130 Aufführungen – eine beeindruckende Leistung! Er leitet Rundfunkaufnahmen für den Nordwestdeutschen Rundfunk (Musikabteilung von → Erwin Kroll) und Konzerte mit den Berliner Philharmonikern, auch mit dem Orchester der Komischen Oper, alles in Berlin. In den Jahren 1947–1948 arbeitet Lehmann unter Walter Felsenstein und erlebt die spannende Mischung aus kulturellem Reichtum und materieller Knappheit, die damals in Berlin herrschte. Er lernt auch die Herausforderungen und manchmal auch die kleinen Intrigen im Theaterbetrieb kennen.
1949 übernahm Lehmann am Stadttheater in Hagen die Position des Generalmusikdirektors und blieb dort über zwei Jahrzehnte. Die Biografie beschreibt Hagen nicht nur als seinen Arbeitsplatz, sondern als einen „Resonanzraum“, den er über die Jahre hinweg sorgfältig aufgebaut hat. Regelmäßige Konzerte, eine klare programmatische Linie, der enge Kontakt zum Publikum und ein ausgewogenes Profil zwischen klassischem Repertoire und Neuer Musik prägten diese Zeit
Besonders hervorzuheben sind die Bach-Tage 1950 sowie die Hagener Musiktage in den Jahren 1964 und 1968, wobei letztere durch einen Festvortrag von Theodor W. Adorno mit dem Titel „Neue Musik und Tradition“ geprägt waren. Während seiner Zeit in Hagen vertiefte Lehmann sein Verständnis für die moderne Musik und führte sowohl im Konzert als auch in der Oper wiederholt nicht nur die klassischen Modernen wie Bela Bartók und Igor Strawinsky (von beiden sämtliche bedeutende Orchesterwerke), Claude Debussy (unter anderem → Pelléas et Mélisande), Maurice Ravel und Leos Janáček (→ Káťa Kabanová und → Jenůfa) auf, sondern auch die Zwölftöner Arnold Schönberg, Alban Berg (→ Wozzeck und → Lulu) und Anton Webern sowie atonale und serielle Komponisten der jüngeren Generation wie Bruno Maderna, Luigi Dallapiccola und Luigi Nono.
Gesponsert von seinem Freund, dem Kaufmann und Kunstmäzen Rudolf Hussel, erteilte Lehmann mehrere Kompositionsaufträge an Komponisten wie → Niccolò Castiglioni, → Xavier Benguerel und vor allem → Witold Lutoslawski, dessen wegweisendes Orchesterwerk „Livre pour Orchestre“ 1968 in Hagen zur Uraufführung kam. Mit Lutoslawski, der Lehmann später immer als seinen „Entdecker für die westliche Welt“ bezeichnete, verband Lehmann danach eine lebenslange Freundschaft.
Ein letztes Gastkonzert in Hagen gab Lehmann 1986 bezeichnenderweise mit der III. Symphonie von Witold Lutoslawski und dem → Te Deum von Anton Bruckner, den Komponisten, die für ihn – neben Mozart und Schubert, oder Verdi in der Oper – für die Musik schlechthin standen.
Im europäischen Ausland gastierte Herr Lehmann unter anderem mit dem Hallé Orchestra in Manchester und Sheffield, mit dem Orchestre de la Suisse Romande in Genf, mit dem Orchester des O.R.T.F. in Paris. Dort fand 1970 die französische Erstaufführung des „Livre pour Orchestre“ von Witold Lutoslawski und der VI. Symphonie von Anton Bruckner statt, die im französischen Fernsehen übertragen wurde. Zudem trat er mehrfach mit verschiedenen Orchestern in Italien, Spanien, Frankreich, Griechenland, Belgien, Dänemark sowie in der Schweiz, der Türkei und der Tschechoslowakei auf.
Der Teil → Das zweite Leben in seiner Biografie bietet einen Einblick in die Zeit nach seiner Pensionierung in Hagen. Zu allen Bereichen bietet das Buch → Musikwärts auf vielerlei Wegen ausführliche Informationen.